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Experten aus Wissenschaft und Praxis stellen aktuelle Exportausrichtung der EU-Milchmarktpolitik in Frage.

(Berlin) Rund 2.000 Milcherzeuger aus ganz Deutschland waren am Samstag der Einladung des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter BDM e.V. zu dessen Symposium „Milcherzeuger im Soft Landing – Braucht der Milchmarkt Regeln?“ im Rahmen der Grünen Woche gefolgt.

Symposium_2010_01_1.jpgDie EU-Milchmarktpolitik, die vor allem auf Welthandel und Liberalisierung ausgerichtet ist, wurde von allen Referenten aus verschiedenen Blickwinkeln kritisiert. Wunsch und Wirklichkeit lägen bei der Orientierung hin zum Weltmarkt oft weit auseinander. Irrtümer seien an der Tagesordnung, das stellten übereinstimmend sowohl Prof. Onno Poppinga wie auch Dr. rer. nat. Martin Grauer fest.

Július Molnar vom EU-Rechnungshof und Direktor des Sonderberichts für den Milchmarkt untermauerte diese Kritik an der Ausrichtung der EU-Milchmarktpolitik sowie die Exportuntauglichkeit der EU-Überschussprodukte Butter und Milchpulver. Der Sonderbericht habe auf politischer Ebene für einiges Aufsehen gesorgt.

Symposium_2010_12_1.jpgArmin Paasch von Misereor erläuterte die fatalen Auswirkungen der EU-Exportpolitik auf Entwicklungs- und Schwellenländer. Damit würden mühsam aufgebaute Entwicklungshilfeprojekte stark gefährdet. Europäische Überschüsse führten letztlich zu Hunger für Millionen Menschen in den Entwicklungsländern.

Dr. André Pflimlin (Frankreich) und John Kinsman (USA) stellten die Auswirkungen der Milchpolitik in Kanada und den USA dar. Unterstützung erhielten sie von anwesenden kanadischen Milcherzeugern.

„Wir Milcherzeuger werden uns weiterhin aktiv in die Milchpolitik einbringen und unsere BDM-Arbeit fortsetzen, bis unserer Hauptforderung nach einer marktwirtschaftlichen Ausrichtung Rechnung getragen wird“, stellte BDM-Vorsitzender Romuald Schaber in seinen Schlussworten überzeugend fest.

Ausführlichere Hintergrundinformation zu den Vorträgen:

Die Vorträge der Referenten am Vormittag behandelten umfassend den Einfluss von Rahmenbedingungen auf eine nachhaltige Milchproduktion.

Symposium_2010_31_1.jpgProf. Onno Poppinga, Professor an der Universität Kassel, stellte in seinem Vortrag die Aussagen von 40 Wissenschaftlern vor, die sich mit einer Resolution für eine Umkehr der bisherigen Milchmarktpolitik einsetzen. Poppinga erklärte, dass in der Agrarwirtschaft oft falsche Annahmen als Voraussetzung für allgemein anerkannte Thesen herangezogen würden. Am Beispiel der Exportzahlen von Milch, die tatsächlich weit niedriger anzusetzen seien als allgemein kommuniziert, belegte er das Auseinanderdriften von Wunsch und Wirklichkeit: Der „echten“ Export außerhalb des europäischen Binnenmarktes mache nur einen relativ geringen Prozentsatz, sei aber Hauptgrund des Liberalisierungsstrebens. Poppinga gab den Milcherzeugern mit auf den Weg: "Sie haben zwar nicht die deutschen Agrarökonomen auf ihrer Seite, wohl aber viele andere Agrarwissenschafler - und vor allem die Realität der Märkte".

Symposium_2010_15_1.jpgDr. André Pflimlin vom Institut de l'Élevage in Frankreich verglich in seinem Vortrag die Milchproduktion in den USA mit der in Kanada und kam zu dem Schluss, dass die Position der Erzeuger in Kanada eine weitaus bessere ist – bei gleichzeitig bezahlbaren Verbraucherpreisen.

Armin Paasch von Misereor erläuterte die Auswirkungen der aktuellen europäischen Milchmarktpolitik auf die Entwicklungs- und Schwellenländer und die Gefahr, die von einer weiteren Liberalisierung des Marktes ausginge. „Ein Kopf-in-den-Sand-Stecken und ein „Weiter so!“ darf es nicht geben, denn die europäischen Überschüsse bedeuten letztlich Hunger für mehrere Millionen Menschen in den Entwicklungsländern“, lautete Paaschs Appell an die Politik. Symposium_2010_69_1.jpg

Der zweite Teil des Symposiums war der Frage nach der Effektivität bzw. der Effizienz einer Marktsituation mit und ohne Rahmenbedingungen gewidmet.

John Kinsman, Vorstandsmitglied des NFFC (National Familiy Farm Coalition), erläuterte die Entwicklung und Situation der Milchviehbetriebe in den USA. Auch in den USA gebe es keinen freien Markt, war eine seiner Aussagen. Der freie Markt funktioniere nur für Wenige und es seien auch in Amerika die Produzenten, die am Ende der Wertschöpfungskette ständen. Er plädierte daher für einen internationalen Informationsaustausch und eine Zusammenarbeit der Milcherzeugerkollegen weltweit, was auf sehr positive Resonanz bei den Symposiumsteilnehmern stieß.

Symposium_2010_18_1.jpgJúlius Molnar, Mitglied des Europäischen Rechnungshofes und Direktor des Sonderberichts für den Milchmarkt, stellte ausführlich den Hintergrund und die Feststellungen der Prüfungen des europäischen Milchmarkts vor. Der Sonderbericht des Europäischen Rechnungshofes habe auf politischer Ebene einiges Aufsehen erregt, so Molnar. Er bestätigte, dass der Exportmarkt eng sei: Milch werde in erster Linie auf dem Binnenmarkt verkonsumiert. Ohne Hilfen aus dem EU-Haushalt ließen sich nur für Erzeugnisse mit hohem Mehrwert Exportmärkte erschließen. Bei den Grunderzeugnissen gebe es hingegen Marktverluste.

Molnar erklärte, dass seit 1995 die Hälfte der Erzeuger bereits den Markt verlassen habe. In diesem Zusammenhang warnte er vor den sozioökonomischen Herausforderungen in benachteiligten Gebieten und den mit der Konzentration verbundenen Umweltproblemen, wenn diese Entwicklung so weiter anhalte.

Symposium_2010_21_1.jpgAuch Dr. rer. nat. Martin Grauer stellte die Wichtigkeit heraus, mit einigen Irrtümern zum Weltmarkt aufzuräumen. Die Weltmarktpreise als Maß der Dinge würden einige elementare Dinge nicht berücksichtigen. Wichtig sei es auch ganz genau hinzuhören, was der Kunde will. „Hand in Hand mit dem Verbraucher“ sei der Schlüssel zu einer möglichen Wertschöpfung für die Erzeuger. Grauer appellierte an die Milcherzeuger, nun keinesfalls auf halbem Weg mit ihrer Bewegung stehen zu bleiben, denn dann würde man alles aufgeben, was man bisher erreicht habe.

Dass der BDM auch weiterhin aktiv bleibe und dass man sich für die Zukunft gut aufstelle, bestätigte schließlich BDM-Vorstandsvorsitzender Romuald Schaber. „Der BDM wird seine Arbeit kontinuierlich fortsetzen. Wir haben viel erreicht, aber die wichtigste Forderung noch nicht umsetzen können. Die Situation der Milcherzeuger muss dringend verbessert werden, deshalb heißt es nach wie vor „Weitermachen!“ Er freue sich daher umso mehr, dass sich mit der offiziellen Gründungsveranstaltung des „BDM Young“ am vergangenen Freitag nun ein Jugendverband des BDM gegründet habe und der zukünftigen Arbeit des BDM nun auch von der nachfolgenden Generation weiterer Schwung gegeben werde.

Zum Thema:

Bildergalerie Symposium 2010

BDM Presseinfo BDM Symposium 2010

Vorträge:

Prof. Dr. Onno Poppinga - Ökonomische Theorien

Dr. André Pflimlin - Milchmarkt und Milchpolitik

Armin Paasch - Milchdumping gefährdet Menschenrecht auf Nahrung

Julius Molnar Présentation - EU Rechnungshof

Ludwig Soeken - Milchboard Präsentation